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Devoter Heine
Datum: 15.08.2023, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byEmaSen
Morgen hab ich eine Prüfung über Heinrich Heine. Ich saß unter einem Stehtisch in der Bibliothek, und über mir auf einem Barhocker eine Freundin, die ebenfalls für Heine lernt. Ihre verlatschten Sneaker genau auf meiner Augenhöhe. Ich habe mich wohl da unten gefühlt -- Zu wohl, um so ganz konzentriert weiterzulernen, als das Bild eines weißen Zimmers und eines vorsichtigen Großen Zehs, bestrumpft natürlich, in meine Gedanken drängte. Na ja -- die Prüfung ist eh unbenotet (4 aufwärts also). Ne? ;) Immerhin kennen wir uns gut genug, dass ich sie einzwei Mal in die Waden knuffen durfte... [ © Emanuel Senden 2020 / This text makes use ofitalics ] *** Es ist ein Pariser Zimmer. Ihr kennt Alle Pariser Zimmer. Dieses weißlich grelle Licht, was dem Herz Europas spätestens seit dem 18. Jahrhundert die Schatten nimmt. Manchmal scheint auch die Sonne, dann blüht es in der Farbe von Urin. Eine gesunde Farbe. Alle diese weißen Pariser Möbel übernehmen die gelbe Farbe ihrer Stadt unverdrossen. Ihre Herrschaften befinden sich wohlweißlich draußen, bei irgendeinem Aufstand. Ich liege zu den Füßen einer Frau, während ich dies schreibe. Die Herrin dieses Zimmers ist daheim geblieben -- Ich denke nicht, dass sie sich darum sorgt, Rente zu empfangen oder dergleichen. Sie weiß, dass ich für sie sorgen werde, was immer mit ihr geschieht. Runzeln werden mich nicht aufhalten in ihren Zügen diese Delikatesse amüsiert entkernter Verachtung zu finden, die sie gerade aufgesetzt ...
... hat. Mein Portemonnaie ist prall, bauchig, just das Gegenteil von ihr, die ich tausendmal mehr verehre als alle Papierblüten darin, und es drückt in meinen Steiß. Alles was ich, mit großem Selbstbewusstsein, zurückfordere, ist Zärtlichkeit. Ich lebe davon, ihre verzehre sie, ohne dass ich dieses seidig silberne Bassin, in der Farbe ihres jetzt im Spätnachmittagslicht schillernden Haars, dieses Gedankenbassin, aus dem ich trinke und verdurstend wiedertrinke, jemals ausschöpfen könnte. Auchsie drückt mich: Vorsichtig fährt ihr großer Zeh im Hofstaat ihrer übrigen Zehen über meinen Wangenknochen. Es riecht subtil nach Fußschweiß. -- Bitte, ich will Sie nicht mit derartigen Obszönitäten verärgern. Der Geruch steht nur zart in meiner Nase, es ist ja verständlich, und Sie, der Sie sphärisch fremd im Raum stehen, ab und zu einen Blick aus dem Fenster in dieRue de Faubourg-Poissonnièreriskierend, werden ihn kaum wahrnehmen. Sie ist immerhin keine vulgäre Person, die sich etwa Mühe gegeben hätte, besonders zu schwitzen in ihren schwarzen Flachhalblern, oder sie nicht beim Hereintreten abgestreift hätte, um die Spitzen ihrer Strumpfhose etwas zu lüften, bevor sie meine Nase damit quäle. Es ist ihr nicht darauf aus, mich zu quälen. Nein, Sie können sie ja sehen: Sie lächelt verträumt. Süßlich, wie -- es nun einmalihr Geruch ist. Fragen sie mich nicht, wo ich hinter den Kalkklüften ihrer Fußnägel Blütenduft herhalluziniere -- Manchmal verdächtige ich sie, aus der Galeries ...