1. Die Mitte des Universums Ch. 050


    Datum: 10.02.2019, Kategorien: Verschiedene Rassen Autor: byBenGarland

    ... den Ausschnitt hätte kucken können, stellte sie sich eher neben mich, drehte sich etwas und sah mich an.
    
    „Hier ist ein Foto-Geschäft auf der Karte eingezeichnet, oder?" fragte sie mich, bevor sie mir ihr Telefon vors Gesicht hielt.
    
    Ein leiser Parfümduft wehte von ihr zu mir, und ich lud sie ein, sich doch kurz neben mich zu setzten. Dann sahen wir gemeinsam auf die digitale Karte und ich sagte: „Ach, wissen Sie, hier wird so viel gebaut. Ich weiß nicht, wie akkurat solche Karten sind."
    
    Sie nickte und dankte mir. Nun wirkte sie etwas ratlos.
    
    „Was möchten Sie denn kaufen?" fragte ich, um nicht unhöflich zu erscheinen und das Gespräch in Gang zu halten.
    
    „Kaufen nicht, aber reparieren lassen. Meine Eltern haben eine gute Kamera, die aber schon lange ein bisschen kaputt ist," spann sie den Faden weiter. „Sie sagten, Sie wohnen nicht hier?" hakte sie nun doch nach.
    
    „Nein, ich wohne nahe der neuen Raffinerie, so 30, 35 Kilometer nördlich von hier," sagte ich ihr, mit dem Daumen über meine Schulter in Richtung Norden zeigend. „Ich bin Ingenieur," fügte ich noch an.
    
    Nguyet nickte und lächelte. Ich sah auf ihre Füße und fand sie schnuckelig. Nguyet hatte die schönsten Achillessehnen, die ich kannte. Ich war schon lange versucht gewesen, sie mir mal genauer anzuschauen, aber irgendwie waren immer andere Details ihres Körpers dazwischengekommen. Ich bemerkte wieder einen Hauch von Parfüm und sah an ihr herauf: Ihre Jeansjacke war bis auf den obersten Knopf ...
    ... zugeknöpft wie ein Hemd, aber die Dezembersonne war heute auch nicht weiter stark. Gerade in dem Moment machte sie zufällig noch einen weiteren Knopf auf, und ich sah einen dunkelbrauen Saum, wie von einem T-Shirt, unter ihren Schlüsselbeinen, aber nicht mehr.
    
    „Ich arbeite bei VSIP," fuhr sie wahrheitsgemäß fort. „Da kommen Sie vorbei, wenn sie wieder nach Hause fahren."
    
    „Ja, das kenn' ich," nickte ich. „Ihr Englisch ist übrigens ausgezeichnet," sagte ich ihr noch.
    
    Sie bedankte sich für das Kompliment und fragte mich nach meinem Namen.
    
    „Ben. Und ihrer?"
    
    „Ich heiße eigentlich Nguyet, aber sie können mich ‚Lucky' nennen. Es ist ja manchmal schwierig für Ausländer, vietnamesische Namen auszusprechen."
    
    Vietnamesinnen gaben sich manchmal poetisch-klingende Namen, gerade, wenn sie gut Englisch konnten.Rain,Sky oderSea waren weitere Klassiker. Ob das eine tiefere psychologische Bedeutung hatte, vermochte ich nicht zu sagen. Aber vielleicht war es auch nur der immerwährende vietnamesische Pragmatismus, der oft vernünftige (Übergangs-) Lösungen ohne ideologischen Ballast schaffte.
    
    „Lucky! Glauben Sie, dass Ihnen das Glück bringt?"
    
    Nguyet lächelte zaghaft und zuckte mit den Schultern: „Ach, ich weiß nicht ... vielleicht ... haben Sie jetzt Zeit?" fragte sie mich nun ziemlich geradeheraus.
    
    „Ein bisschen. Eine Stunde. Oder anderthalbe. Warum?"
    
    „Wir könnten in ein Café gehen, vielleicht," sagte sie nach kurzem Zögern. „Ich treffe selten jemanden, mit dem ich mein ...
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