-
Wespensommer
Datum: 26.04.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Dingo666
... was mit dem Haus geschehen sollte. Also geschah nichts. Außer, dass die Wespen sich dort ansiedelten. Jedes Jahr waren es mehr geworden, so als würde eine Besatzungsarmee das Land übernehmen. Auch die Nachbarn klagten, doch wir waren am heftigsten betroffen. "Bin gegen sechs zurück", rief mir Irina zu, und warf die Haustür ins Schloss. Ein akustisches Ausrufezeichen. Sollte heißen: Ich hatte an diesem Sonntagnachmittag knapp sieben Stunden Zeit, um mir was einfallen zu lassen. Bei ihrer Rückkehr würde sie mindestens einen handfesten Plan erwarten. Natürlich hatte ich mich informiert. Wespen stehen unter Naturschutz, die Zerstörung von besiedelten Nestern kann bis 15.000 Euro kosten. Andererseits sterben die Staaten im Spätjahr, nur die befruchteten Prinzessinnen überwintern in einem Versteck. Im Frühling kommen sie raus, bauen neue Nester und schaffen Völker mit tausenden von Arbeiterinnen. Faszinierend, rein biologisch betrachtet. Und ebenso lästig, wenn man sie am Hals hat. Im Winter darf man Nester entfernen, dann sind sie unbewohnt. Ich könnte also im Dezember rauf zur Villa und für Ordnung sorgen. Doch würde das helfen? Würden die Königinnen nicht einfach neue Nester bauen, an denselben Stellen? Sie mochten das alte Gemäuer offenbar. Und leider gab es keine gesetzliche Grundlage, auf der man Nachbarn zwingen kann, die Häuser wespensicher auszurüsten. Auch das hatte ich schon in Erfahrung gebracht, von unserem Anwalt. Ich konnte also im Moment überhaupt ...
... nichts tun. Doch das würde nicht gut aussehen, für Irina. Am besten schaute ich einfach mal hoch zur Villa und machte ein paar Fotos von den Nestern. Dann konnte ich ihr erklären, dass ich schon einen genauen Plan hatte, wie ich die Dinger im Dezember entfernte. Welche Leiter ich brauchte, welche Werkzeuge und so. Mit etwas Glück konnte ich meine Liebste so besänftigen, bis die Plage in ein paar Wochen auf natürliche Weise zu Ende gehen würde. Nachdem ich den Tisch abgeräumt und die Wespen dabei mit einer frischen Scheibe Schinken abgelenkt hatte, steckte ich mein Handy ein und machte mich auf den Weg. Die alte Sandsteinmauer hoch, über den Zaun und durch das Dickicht. Das früher mal parkähnlich gepflegte Gartengrundstück der Nachbarvilla hatte sich in ein blühendes Biotop verwandelt, voller Unkraut und Gestrüpp. Ich zerkratzte mir die Arme an Dornen und abgebrochenen Zweigen und war froh, wenigstens eine ordentliche Jeans anzuhaben. Fliegen, Käfer und Wespen summten überall herum. Dazu das Zwitschern der Vögel und das Raunen der Blätter im Wind. Ganz nett, eigentlich. Ich spürte, wie ich ruhiger wurde und mich entspannte. Vor dem Haus blieb ich stehen und sah mich um. Der Blick ging über das Tal, eine wunderbare Aussicht. Der verwunschene Garten ringsum verströmte ein Hauch von Dornröschen. Am liebsten hätte ich mich einfach in die Sonne gesetzt, die Augen geschlossen, und den Tag genossen. Oder gleich ins Gras legen? Wegdämmern, eins werden mit dieser Umgebung, mit der ...