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Wespensommer
Datum: 26.04.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Dingo666
... Natur? Ich schob diese Träumereien beiseite. Die Uhr tickte. Meine Ehefrau war tolerant und verständnisvoll, jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze. Sie verachtete Leute, die sich um anstehende Probleme drückten. Insbesondere Ehemänner, die das taten. Zunächst ging ich um das Anwesen herum und schoss ein paar Bilder. An der Südwestecke, unter dem Dachüberhang, hing das gewaltige Nest, das ich schon von unserer Terrasse aus gesehen hatte. Es mochte einen Meter Durchmesser haben. Die Luft am Einflugsloch lebte förmlich, so viele Insekten drängten sich hinaus und hinein. Die Oberfläche zeigte eine gräuliche Farbe. Also ein Volk der Deutschen Wespe, wie mir meine Recherchen gesagt hatten. Vespula Germanica. Ein zweites Nest fand ich unter den Dachsparren am Anbau, hinter der Villa. Deutlich kleiner, aber nicht minder umschwärmt. Und auch eine zerbrochene Fensterscheibe im Obergeschoss schien eine Einflugschneise zu sein, also musste sich eine weitere Siedlung im Inneren befinden. Dieses Haus war das verdammte Manhattan der Wespenzivilisation! Ich betrachtete die Villa, die Hand als Sonnenschutz über den Augen. Gründerzeit-Stil, mit üppigen, stuckverzierten Fensterlaibungen und Fachwerk im Dachgeschoss. Ehemals weiß, nun ein abgeschossenes Grau, und an mehreren Stellen von Ranken und Bäumen überwuchert. Das Haus strahlte eine melancholische Ruhe aus. Es erinnerte mich an eine alte Dame im Liegestuhl, die mit geschlossenen Augen vor sich hin dämmert und auf das Ende ...
... wartet. Friedlich. "Schön. Und jetzt?" fragte ich mich halblaut. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich auf fremdem Grund und Boden befand und streng genommen gerade Hausfriedensbruch beging - was konnte ich schon gegen diese Insektenplage unternehmen? Man würde die Villa bis auf die Grundmauern niederbrennen müssen, um alle Nester zu erwischen. Ach was. Ich war hier gewesen, das musste Irina reichen. Die Eingangstür war sicher abgeschlossen, und einen Einbruch konnte sie wirklich nicht von mir erwarten. Lieber schrieb ich noch einen Beschwerdebrief an die Gemeindeverwaltung. Sollen sich doch die Beamten mit den Erben herumplagen! Abgebrochene Ästen und Laub bedeckten die sieben oder acht Stufen vor dem Eingangsportal, ich kam nur mit Mühe zur Tür. Doch zu meiner Überraschung war diese nur angelehnt. Als ich drückte, schwang sie mit einem hohlen Knarren auf. "Hallo?" rief ich und spähte hinein. Keine Antwort, natürlich. Was nun? Am besten umdrehen. Was sollte ich auch in dem alten Kasten? Immerhin wusste ich nun, dass ich dann im Dezember reinkam. Aber wahrscheinlich sollte ich zumindest mal kurz die Lage checken. Die Anzahl der Nester feststellen. Das würde Irina befriedigen. Also schob ich mich über die Schwelle und ins Innere, mit einer leichten Enge im Hals. Ich stand in einer Eingangshalle. Direkt vor mir führte eine imposante Freitreppe hoch ins Obergeschoss, und drei Türen führten in andere Räume. Jemand hatte die Einrichtung teilweise entfernt, nur eine ...