1. Wespensommer


    Datum: 26.04.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Dingo666

    ... alte Kommode stand noch an einer Wand, und ein wunderbar altmodischer Kronleuchter hing von der hohen Decke. Der Boden war dick mit Dreck und Staub und vertrockneten Insekten bedeckt, Tierspuren zogen sich hindurch.
    
    Überraschend fand ich den Eindruck von tiefer Ruhe, ja von Frieden, der mich umgab wie ein Kissen. Ich ertappte mich bei einem sinnenden Lächeln. Die unwirkliche Umgebung verzauberte mich regelrecht. Wie wohl das Leben in diesen Gemäuern gewesen sein mochte? Unwillkürlich dachte ich an Kinderlachen, an Männerstimmen und weibliche Ordnungsrufe. Die Villa war einer dieser "Lost Places", von denen ich gelesen hatte. Das Echo einer vergangenen Zeit, ein Nachhall aus Nostalgie und Träumen. Ich schoss ein paar Bilder mit der Handykamera.
    
    Der kleine Ausflug machte mir nun richtig Spaß. Ich schlenderte durch das Erdgeschoss, erkundete die alte Küche und ein Esszimmer mit Panoramafenstern in den hinteren Garten. Überall standen noch einige der alten Möbel und Einrichtungsgegenständen herum, an andere erinnerten nur noch hellere Umrisse an den Wandtapeten. Staub und Schmutz überall, doch die Substanz schien noch nicht angegriffen. Noch wäre diese Villa zu retten, und sie wusste es.
    
    Der Geruch fiel mir auf. Alt und staubig, klar, aber darunter roch es noch nach etwas anderem. Ein wenig nach Stall, aber frischer, beinahe zitrusähnlich. Ganz angenehm, irgendwie. Wohlig. Ich sog den Duft tief in die Lungen, denn er schien ein Teil dieses Hauses zu sein.
    
    Dann ging ...
    ... ich die Treppe hoch. Langsam, um die Stabilität der Holzkonstruktion zu erkunden. Der Geruch wurde stärker, je höher ich kam. Außerdem hörte ich ein Summen, ganz leise, gerade an der Wahrnehmungsschwelle. Nicht überraschend. Doch hier im Treppenhaus flog keine einzige Wespe. Nur am Boden lagen die verkrümmten Körper vergangener Jahre.
    
    Sehr vorsichtig öffnete ich die Tür ganz links. Das Summen schwoll an, als ob jemand einen Verstärker hochdrehte. Ein Blick durch den Türspalt zeigte mir ein gigantisches Nest, das die gesamte Ecke zwischen zwei Fenstern auszufüllen schien. Ich schluckte und zog die Tür schnell wieder zu. Da hinein zu gehen wäre keine gute Idee. Und ob ich so ein Monster im Dezember alleine hier abmontieren und herausbringen konnte, schien mir fraglich. Das hier schrie nach dem Einsatz eines professionellen Kammerjägers. Oder einer Bombe.
    
    Die nächste Tür führte in ein anderes, komplett leeres Zimmer. Kein Nest, nur an den Fenstern schwirrten einige Wespen herum. Der Boden war dick mit schwarzgelb gestreiften Leichen bedeck. Der sonderbare Geruch drang betäubend stark in meine Nase. Ich sog die Luft tief ein, obwohl mir dabei komisch zumute war.
    
    Auf der rechten Seite befand sich ein Schlafzimmer. Das altertümliche Bett enthielt nur noch die Matratze unter einem Plastiküberzug, und auch hier lagen überall tote Insekten herum. Die Luft war hingegen rein, abgesehen von dem Geruch.
    
    Ich sah nach oben. In die Decke eingelassen sah ich eine Luke, die ins ...
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