1. Wespensommer


    Datum: 26.04.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Dingo666

    ... Dachgeschoss führte. Da oben würde ich mit Sicherheit auf weitere Kolonien stoßen. Nein, das hier war mit Sicherheit eine Nummer zu groß für mich. Das musste ich Irina begreiflich machen, Wespensommer hin oder her.
    
    Also gut. Pflicht erfüllt. Ich trottete zurück und die Treppe runter, um -
    
    Unten stand jemand. Ich stoppte, als sei ich gegen eine Wand gelaufen. Eine schmale Gestalt, ein Mädchen. Sie blickte zu mir hoch.
    
    "Äh, hallo!", brachte ich heraus und setzte mich wieder in Bewegung, trotz meines schlechten Gewissens. War ja klar, dass ausgerechnet jetzt jemand von den Besitzern vorbeikommen und mich ertappen musste.
    
    "Hallo." sagte sie, mit einer angenehm klaren Stimme. Sie klang nicht böse, und ich atmete auf.
    
    Ich kam unten an und stand ihr gegenüber. Und staunte. So eine schmal gebaute Frau hatte ich noch nie gesehen. Sie mochte so groß sein wie Irina, also etwa einssechzig, aber sie war höchstens halb so breit. Kaum Oberweite unter der gelbem Bluse, doch die Taille fiel beinahe unmenschlich dünn aus.
    
    Das, zusammen mit den eleganten Kurven der Hüften und der langen, dünnen Beine, ergab ein unzweifelhaft feminines Gesamtbild. Dieses Mädchen ließ jede Barbie-Puppe übergewichtig erscheinen. Umso erstaunlicher, dass sie keineswegs unterernährt oder ausgezehrt wirkte. Nur - dünn!
    
    Mit einem bemühten Lächeln riss ich meinen Blick von dieser traumhaften Figur. Sie legte den Kopf schräg und sah mich interessiert an. So als wollte sie wirklich wissen, was ich ...
    ... für einer war. Ein schmales Gesicht mit langen, tiefschwarzen Haaren, unbestimmbar exotisch. Osteuropäisch? Die Augen schimmerten wie Asphalt nach dem Regen. Spanische Gene, oder nordafrikanische. Sie erinnerte mich vage an die Schauspielerin Audrey Hepburn. Allerdings nach einer längeren Diätphase.
    
    Das Mädchen lächelte nicht.
    
    "Gehören Sie zu den Besitzern?" tat ich harmlos. "Ich wohne nebenan, und wollte nur kurz nach den Wespennestern hier sehen."
    
    Sie sah mich nur an, mit diesem forschenden Blick. Dann sagte sie: "Ich wurde von meiner Familie hierhergeschickt." Ihre Stimme klang hoch und klar. Ungewöhnlich, auf eine unbestimmbare Art und Weise. Insgesamt eine faszinierende Erscheinung. Sie trug einen schwarzen Rock und Sandalen mit Lederriemchen.
    
    "Aha. Gut", stotterte ich und streckte ihr die Hand hin. "Martin Minkstetter. Aber sagen Sie gerne Marty zu mir."
    
    "Mein Name ist - Suniva." Sie schüttelte meine Hand. Auch ihre Finger fühlten sich unglaublich schmal an in meiner Pranke, vergleichsweise. Doch ich spürte auch die Kraft hinter ihrem Griff. Das war kein schwaches Mädchen, sondern eine Frau, die zupacken konnte. Sie war alleine hier. Das bedeutete, dass sie einen Führerschein haben musste, also mindestens achtzehn war. Vielleicht älter, das war schwer einzuschätzen.
    
    "Sie sind mit der alten Frau Goedevert verwandt, ja?" fragte ich nach.
    
    Sie lächelte versonnen, und die Sonne schien auf einmal in den düsteren Raum. Ihr zartes, junges Gesicht strahlte ...
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