1. Die Personenschützerin


    Datum: 04.11.2022, Kategorien: Romantisch Autor: Freudenspender

    ... also nicht zu nahe", meint Joy, als ich den entsprechenden Vorschlag mache.
    
    "Ich würde es nie wagen", versichere ich. "Mir schlottern jetzt schon die Knie."
    
    Joy reagiert nicht so, wie ich erwarte. Anstatt eines Lächelns verfinstert sich ihre Mine. Ich habe keine Ahnung, warum die Stimmung so plötzlich umschlägt. Irgendwie fröstelt es mich, weil es mir so vorkommt, als würde die Raumtemperatur abstürzen.
    
    "Mein Vater hat uns alle geschlagen", sagt Joy plötzlich.
    
    Sie ist todernst. Ich erstarre in meine Bewegung, ins Bett zu steigen. Sie liegt bereits drinnen und schaut mich an. In ihren Augen liegt große Unsicherheit, ihr Körper ist sichtlich angespannt. Es ist das erste Mal, dass sie sich mir verletzlich zeigt.
    
    "Das tut mir leid", sage ich. Ich weiß doch nicht, was man in so einem Moment antworten könnte.
    
    "Du kannst doch nichts dafür."
    
    "Und doch erfüllt es mich mit Schmerz. Ein Kind sollte so etwas nie erleben müssen."
    
    "So etwas prägt dich dein ganzes Leben lang."
    
    "Das kann ich mir vorstellen. Deshalb der Kampfsport?"
    
    "Ich habe mir geschworen, nie mehr ein Opfer zu sein."
    
    "Das bist du nicht mehr", versichere ich ihr. "Du bist ein wunderbarer Mensch."
    
    Ich bin inzwischen im Bett und liege auf der Seite, ihr zugewandt. Dabei stütze ich den Kopf in meine rechte Hand, der Ellbogen ist auf dem Bett abgestützt.
    
    "Ich bin immer noch das Opfer. Ich lasse keinen Menschen an mich heran. Ich traue mich nicht, auf Menschen zuzugehen. Ich bin eine ...
    ... Kampfmaschine, ausgerichtet auf Verteidigung. Das ist doch kein Leben!"
    
    "Du bist nicht mehr das Opfer, du bist verletzt worden. Das hat Narben hinterlassen, tiefe Narben auf der Seele."
    
    "Mein Leben ist verkorkst. Ich bin allein. Ich habe zu Weihnachten nicht einmal mehr meine Eltern. Ich war immer die einzige, die zu Weihnachten in der Kaserne geblieben ist. Zumindest hatte der Weihnachtsbaum in der Eingangshalle damit einen Sinn. Mehrmals habe ich dort Weihnachten verbracht. Ganz allein!"
    
    "Willst du mir erzählen, was geschehen ist?", frage ich vorsichtig.
    
    Es entsteht eine Pause. Ihre Augen sind feucht und ich kann den Schmerz in ihrem Gesicht erkennen.
    
    "Mein Vater hat mich und meine Mutter - solange ich denken kann - tyrannisiert. Er war zu faul, um zu arbeiten und hat stattdessen nur gesoffen. Meine Mutter musste Arbeiten gehen und das Geld heranschaffen. Meist hat es nicht bis zum Ende des Monats gereicht. Sehr oft hatten wir kaum etwas zu Essen. Das war meinem Vater egal. Aber wehe er hatte nicht genug Geld für seine tägliche Ration Alkohol. Dann setzte es Schläge für meine Mutter. Wenn ich mich, als ich etwas größer war, vor sie gestellt habe, bekam auch ich meine Tracht Prügel ab. Windelweich hat er uns geschlagen. Immer und immer wieder.
    
    Als ich etwas älter war und die Oberschule besuchte, habe ich nebenbei gearbeitet. Ich tat das, um meine Mutter zu entlasten. Ich hatte gehofft, dass er sich beruhigt, wenn genügend Geld vorhanden ist. Doch das Ganze ...
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